Liebe Tierbesitzer,

Ich werde meine Praxis Ende des Jahres 2022 schließen; ich bin dann 66 Jahre alt. Leider habe ich trotz intensiver Suche keine/n NachfolgerIn gefunden, da kleine Praxen nicht mehr attraktiv sind. 

Nachstehend eine Beschreibung der momentanen Situation in der Kleintierpraxis.

Gut ein Jahr lang war ich auf der Suche nach einer/m NachfolgerIn für meine Praxis. Die Suche war erfolglos (Trotz des sehr guten Standorts im schönen Freiburg!). Ich hatte mehrere Male in einer Tierärztezeitung inseriert und insgesamt zwei Anfragen erhalten (beides Männer), von denen ich nach eigener Rückmeldung keine Antwort mehr bekommen habe. Das ist für mich sehr schade, denn ich habe immer noch Freude an meinen Beruf  und hatte gehofft, nach Abgabe noch die eine oder andere Vertretung in meiner Praxis  machen zu können. Kommentar eines Tierarztes, bei dem ich während des Studiums ein Praktikum gemacht hatte: "der schönste Beruf der Welt". Das kann ich nur unterschreiben! Besonders leid tut es mir auch für meine Tierbesitzer und deren Tiere, die jetzt weitere Anfahrtswege in Kauf nehmen müssen. 

Ich selbst werde danach in einem Raum in meinem Keller für eine Tierschutzorganisation Katzen kastrieren und, bei Interesse,  1-2 Tage pro Woche eine Hausbesuchspraxis für meine langjährige Kundschaft einrichten. 

Es war noch nie so einfach wie heute, eine Kleintierpraxis zu eröffnen oder zu übernehmen! Als ich 1989 angefangen habe, waren wir sieben Kollegen in Freiburg. Daraus sind im Laufe der Jahre fast 20 geworden.  Jedoch: seit einigen Jahren ist diese Zahl wieder rückläufig. In den letzten Jahren habe drei Praxen zugemacht, ohne einen Nachfolger/in zu finden. Dieser Trend wird sich fortsetzen. 

 Mögliche Gründe für die jetzige Situation in der Kleintierpraxis: 

1.  Die Demographie: die geburtenstarken Jahrgänge gehen jetzt in Rente. Das sieht man auch, wenn man die Tierärztezeitung aufschlägt und sich die Rubriken "Praxisabgabe" und "Praxisgesuche" anschaut: 5-10% der Inserate sind Gesuche, 90-95%  wollen abgeben.

2. Änderung der Einstellung zur Selbständigkeit: 90% der Studienabgänger sind inzwischen Frauen. Es scheint mir, dass viele Frauen keine Selbständigkeit mehr wollen, aus familiären oder sonstigen Gründen, Thema Work-Life-Balance.  Die familiären Gründe kann ich nicht wirklich nachvollziehen: im Raum Freiburg sind einige Kolleginnen, die das trotz Kind(ern) und teilweise alleinerziehend durchgezogen haben. Eine Umfrage besagt, dass  ca. 60% der StudienanfängerInnen in die Praxis wollen, nach Studienende sind es nur noch 30%. Über die Gründe kann man nur spekulieren.  Ich denke,  da haben sich wohl viele im Vorfeld zu wenig darüber informiert, was nach dem Studium auf sie zukommt. Das Studium selbst gilt als mit das schwierigste, ich habe es aber problemlos (trotz schlechtem Abiturschnitt!) geschafft, denn ich war motiviert! Abhilfe ist dringend notwendig und auch möglich: Ich bin der Überzeugung, dass ein längeres Praktikum (bei einem Tierarzt und in einer Tierklinik) vor dem Studium (mind. 1/2 Jahr) dafür sorgen würde, dass vermehrt Interessenten studieren würden, die ein Interesse an einer Praxis haben, bzw. auch Abiturienten mit einem schlechten Notendurchschnitt zum Zuge kommen. Der Abiturschnitt als mehr oder weniger  alleiniges Zulassungskriterium ist dafür absolut untauglich. (Dasselbe gilt meiner Ansicht nach vor allem auch für die Humanmedizin und ebenso für den Lehrerberuf) Und: man muss mehr Studienplätze anbieten 

3. Es gibt noch andere Gründe: 

- Übergriffige und aggressive Tierbesitzer (vor allem im Notdienst). Ich habe Aggressionen zum Glück nie persönlich erlebt (ich bin ja auch Mann und 1,88m groß), weiß aber von einigen Kolleginnen, dass dies immer mal wieder vorkommt. 

- Der mäßige Verdienst im Vergleich zu anderen akademischen Berufen 

- Die hohe emotionale Belastung: die Suizidrate ist im Tierärzteberuf im Vergleich zur Normalbevölkerung mindestens 4x, und im Vergleich zum Humanmedizinern immer noch doppelt so hoch. Über die Gründe wird viel spekuliert. Die allgemein hohe emotionale Belastung, bei der man immer mal Entscheidungen treffen muss im Sinne des Tieres, aber nicht des Tierbesitzers (z. B. Euthanasie; das sollte eigentlich Sterbebegleitung heißen), finanzielle Kompromisse bei der Behandlung von Tieren, deren Besitzer wenig oder kein Geld haben, das hohe Anspruchsverhalten einiger  Tierbesitzer (7-Tage Woche, 24h  Verfügbarkeit), der ständige Umgang mit dem Tod selbst (s. o.), und die leichte Verfügbarkeit der entsprechenden Arzneimittel. Frauen sind hier wohl auch emotionaler unterwegs als Männer. 

- Die zunehmende Bürokratie ist eine Krake, die sich auch in meinem Beruf immer weiter ausbreitet, teilweise völlig überflüssig oder sogar kontraproduktiv ist und ein Zeitfresser, der stresst und uns von unserer eigentlichen Aufgabe, Tiere zu behandeln, abhält. Vor allem regelmäßige neue Richtlinien von der EU bzgl. Arzneimittelrecht sind meistens wirklich weltfremd. Beispiel: seit einigen Jahren gilt ein Gesetz, dass Medikamentenflaschen zur Injektion nach einem Monat entsorgt werden müssen. Die meisten Antibiotika sind nur als 100ml-Flaschen verfügbar. Für die Großtierpraxis ist das kein Problem, da Großtiere pro Behandlung zumeist 10-20ml Injektion bekommen.  Kleintiere erhalten aufgrund ihres geringen Körpergewichts 0,5-4ml. in der Praxis bedeutet das, dass ich jeden Monat einige halbleere Flaschen wegwerfen müsste. Das ist ökonomisch und natürlich auch ökologisch völlig unsinnig! Auch die Datenschutz- und Arbeitsschutzrichtlinien sowie die Dokumentationspflichten haben sich in den letzten Jahren teilweise völlig überflüssigerweise verschärft. 

- Die langen Arbeitszeiten? Das lasse ich als Argument nicht gelten, ich hatte immer im Schnitt eine 40 bis 45-Stundenwoche. Allerdings sorgt das Schlagwort Work-Life-Balance dafür, dass viele junge KollegInnen nur noch Teilzeit arbeiten wollen. 

- Konkurrenzsituation? In Freiburg sieht es sehr gut aus: als ich angefangen habe, war ein gut funktionierender Notdienstring angelegt, und ich durfte als Neuling gleich mehrere Wochenenddienste machen. Es gab keinen "Futterneid". Ist das die badische Mentalität oder der Standort Freiburg mit seinem hohen Freizeitangebot? Jedenfalls war und ist das wohl immer noch eine Ausnahme. Wir haben auch als einziger Standort in Baden-Württemberg einen Tierärztestammtisch. Ansonsten höre immer wieder von befreundeten KollegInnen, dass es Probleme mit Nachbarkollegen gibt. Das gilt aber vermutlich für viele freie Berufe. 

- einige Kollegen haben auch Angst vor negativen Internetbewertungen. Das ist aber kein Problem der Tierärzte alleine, sondern gilt allgemein. 

Was hat diese Tendenz für Folgen? 

1. Es werden sich vermehrt Tierarztketten in Deutschland bilden. Momentan sind hier Anicura und IVC Evidensia sehr aktiv, die größere Praxen aufkaufen. Die kleinen Praxen werden nur noch ein Nischendasein fristen. Was Ketten angeht, hinken wir im Vergleich zu vielen europäischen Ländern noch deutlich hinterher. Mit der Übernahme des Marktes durch einige wenige Ketten werden auch die Preise deutlich ansteigen; wir sind hier in Deutschland anscheinend  immer noch deutlich billiger als vergleichbare Nachbarländer in Europa. Ketten geht es in erster Linie um den Profit, das Tierwohl steht hintan. Wir sind da nicht alleine: auch in der Humanmedizin wird die zunehmende Ökonomisierung der Kliniken ein Problem und sorgt für teilweise massive Kritik. 

Durch den Rückgang der kleineren Praxen werden Tierbesitzer mit ihren Tieren weitere Anfahrtswege in Kauf nehmen müssen. Viele Tierkliniken haben ihren Klinikstatus aufgegeben, weil es sich finanziell nicht mehr lohnt, rund um die Uhr erreichbar zu sein: Die Personalkosten sind zu hoch. Wer bei einem Notfall zu einer weit entfernten Tierklinik fahren muss, ist dann oft auf ein Auto angewiesen. 

Wer hierbei unter die Räder kommen wird, sind die Tierbesitzer mit wenig Geld, und ihre Tiere. Ihnen kann ich nur empfehlen, eine Tierkrankenversicherung abzuschließen, und, so hart es klingen mag: die Zahl der Tiere im Haushalt zu reduzieren. Ich kenne Hartz4-Empfänger mit drei oder mehr Hunden; das ist unverantwortlich, da dann schon für eine kleinere OP kein Geld mehr da ist. 

Die Tiermedizin ist momentan, wie viele andere Berufe, mitten in einem starken Umbruch, unabhängig von der jetzigen politischen Lage. Ich  wünsche mir, das dieses nicht zu Lasten der Tiere geht!